Über Stimming
Abenteuer, Entdeckerfreude und das Recht auf den Ruhezustand
Stimming ist für viele autistische Kinder weit mehr als nur Regulation – es ist eine Form der Weltaneignung.
Die Erfahrung: Wie ein intensives Hobby oder das Spielen eines Instruments bereitet es Freude und ermöglicht es, ganz bei sich zu sein.
Die Voraussetzung: Dieses positive Erleben ist nur im Ruhezustand möglich – einem Zustand innerer Ausgeglichenheit.
Der Nutzen: Stimming schenkt Entspannung und Wohlbefinden und ist ein essenzieller Baustein für ein ausgeglichenes Leben.
Damit Stimming seine positive Kraft entfalten kann, muss die Umgebung stimmen.
Hindernisse minimieren: Lärm, Hektik und andere Barrieren, die das Gleichgewicht stören, müssen regulierbar sein.
Inklusion: Eine barrierefreie private Umgebung und eine inklusive Beschulung bilden das Fundament, auf dem das Kind gesund und munter aufwachsen kann.
Individualität: Kein Autist gleicht dem anderen; Stimming sieht bei jedem Menschen anders aus.
Freiwilligkeit: Stimming kann, darf und soll ausschließlich intrinsisch motiviert erfolgen – niemals auf Kommando oder als antrainiertes Verhalten.
Kinder, die ihren Ruhezustand leben dürfen, handeln aus purer Lebensfreude heraus. Ihr Alltag ist geprägt von:
Begeisterung: Tanzen, Spielen und Forschen.
Fröhlichkeit: Trällern von Liedern oder freudiges Hüpfen durch die Wohnung.
Selbstfürsorge: Knabbern an Fingernägeln als sanfte Alternative zur unangenehmen Schere; Kuscheln für Geborgenheit.
Wenn Aufregung, Langeweile oder vorübergehende Barrieren auftreten, greifen gelernte und gesunde Verarbeitungsmechanismen:
Akustisch: Ein bekanntes Lied auf der Flöte spielen oder vor sich hin summen.
Propriozeptiv & Taktil: Gemütliche schwere Decken, regelmäßige Saunagänge.
Olfaktorisch: Gut riechende Kerzen.
Umgebung: Der Rückzug in eine gewohnte oder ganz stille Umgebung. Der Lohn: Ein frohes Gemüt und die Wiederherstellung des inneren Gleichgewichts.
Um zu verdeutlichen, wie gewöhnlich und „normal“ das Leben von Autisten in einer barrierefreien Umgebung ist, folgt nun die alphabetische Übersicht von A-Z. Sie zeigt, dass diese Handlungen – wenn sie aus dem Ruhezustand heraus geschehen – einfach Teil einer gesunden menschlichen Vielfalt sind.
Ausblick: Die Trivialität des Glücks von A - Z
- es lässt sich alles aufreihen
- man kann nicht "falsch spielen"
- viel Spass beim Aufreihen!
- Nägel kauen statt schneiden
- Maniküre mit Zähnen
- hilft Stress abzubauen
- in bunten Büchern
- durch leere Seiten
- geschriebene Literatur
- Bücher sortieren
- Ordnung ändern
- Neu organisieren
C - Chanten
- summend oder singend
- mit Muscheln
- oder den Händen an den Ohren
P - Pinseln
- als kreativer Prozess
- Anspannung abbauen
- zur Ruhe zu kommen
D - Drehen
- ab und an herumwirbeln
- tanzend / singend drehen
- bis zum Umfallen ins Weiche
Q - Quaken
- mit einem Plüschtier
- einen Frosch imitieren
- aus Spaß an der Freude
E - Echolalie
- Worte wiederholt sprechen
- Wiederholungslieder singen
- Gedanken wiederholen
R - Rennen
- tut gut
- hält fit
- für Ausgeglichenheit
F - Flattern
- flatternd, springend laufen
- beim singen flattern
- einen Vogel spielen
S - Schaukeln
- auf dem Spielplatz
- mit einem Stuhl schaukeln
- Hängematte,...
G - Gähnen
- Müdigkeit
- Langeweile
- Anspannung
T - Tippeln
- auf Zehenspitzen laufen
- hinstellen auf Zehen
- Tanzen / Drehen auf Zehen
H - Hüpfen
- Hüpfburg, Trampolin
- Kinder hüpfen durch die Wohnung
- Hüpf-Parkour im Garten
U - Unter Wasser
- im Meer beim Tauchen
- in der Badewanne
- im Schwimmbad
I = Imitieren
- mit anderen Autisten stimmen
- in Schule und Kita
- oder Freunde / Familie
V - Videospiele spielen
- zum Abtauchen in die Spielwelt
- einfach mal Abschalten
- und zur Ruhe kommen
J = Jonglieren
- Kugeln, Bälle
- Feuerketten, Pois
- Alltagsgegenstände
W = Wärme
- Gemütlicher Kaminabend
- in Decken gekuschelt
- ein heißes Bad, Sauna,...
K = Kampfkunst
- TaiChi, Ninjutsu, QiGong
- schult Körper, Geist und Psyche
- hält fit
X = X-Bilden
- Zehen überkreuzt
- Finger kreuzen
- Beine überschlagen...
L = Lachen
- Lachen oder Weinen, lieber lachen
- aus Herzenslust lachen
- vor Aufregung lachen
Y = Yoga
- Yoga trainieren
- allein für sich
- mit anderen gemeinsam
M = Miauen/Mauzen
- das Mauzen nach machen
- mit der Katze "unterhalten"
- einfach aus Spass an der Freude
Z = Zickzack laufen
- bei Mustern auf Fliesen
- Wegplatten entlang
- einfach so
Worte zum Nachdenken: Das Recht auf Ruhe und die Gefahr der Barrieren
Die Annahme, Barrieren müssten „trainiert“ werden, ist ein logischer Fehlschluss und ein Verstoß gegen die Menschenwürde sowie das Grundgesetz.
Die Gefahr: Kinder scheitern an diesen Hürden, da sie aufgrund ihres Alters, ihrer Abhängigkeit oder ihrer kognitiven Entwicklung keine Möglichkeit zur Gegenwehr oder objektiven Bewertung haben.
Die Forderung: Die Behebung von Barrieren und die Wahrung der Bedürfnisse sind zwingende Voraussetzungen für ein menschenwürdiges Leben.
Im „Ruhezustand“ (einer barrierefreien Umgebung) entfaltet sich der wahre Wert autistischer Lebensweisen.
Entwicklung: Kinder benötigen eine Kindheit ohne Barrierelast, um echte Resilienz aufzubauen.
Stimming als Werkzeug: In einer sicheren Umgebung dient gesundes Stimming der Entspannung und dem Wohlbefinden. Es kann jedoch nur kleine, regulierbare Barrieren kompensieren.
Wird ein Kind durch Konditionierung gezwungen, eigene Bedürfnisse zu übergehen, beginnt ein schleichender Prozess der Entfremdung.
Das Schulbeispiel: Bereits eine Stunde in einer feindlichen Umgebung kann das Nervensystem eines 6-jährigen Kindes zum Kippen bringen.
Frühe Warnsignale:
Der Gesang verliert seine Freude und verändert den Klang.
Das Gangbild wird schwer und stampfend.
Onichophagie: Fingernägelkauen bis zur Schmerzgrenze.
Stimming wird zum reinen Verarbeitungsmechanismus, um den drohenden Zusammenbruch abzuwenden.
Wenn Signale ignoriert werden oder soziale Eskalationen (Schule, Familie, Verlust) hinzukommen, schlägt die Überlastung voll durch.
Erschöpfung der Reserven: Routinen und strikte Regelmäßigkeit dienen als letzter Anker, verbrauchen aber die restliche Lebenskraft.
Grenzen der Kompensation: Reizregulation wirkt nun zwanghaft und reicht nicht mehr aus, um das Nervensystem zu beruhigen.
Selbstverletzung: Die Finger werden blutig gekaut; Selbstverletzungen (z. B. Ritzen) können auftreten. Das Kind wird in seiner Not nicht mehr gehört.
Das Endstadium der Barrierelast wird oft fälschlicherweise rein als „psychische Erkrankung“ diagnostiziert, ist aber die Folge unerträglicher Ursachen.
Symptomatik: Zwangshandlungen, herausgeschriene Echolalien, das Verstummen von Gesang und Bewegungsfreude.
Der Zusammenbruch: Nervenzusammenbruch, „Inputsperre“ (Shutdown) und verzweifelte Notwehr-Reaktionen (Aggression gegen sich oder andere).
Die extreme Gefahr: Wenn die Situation durch Abhängigkeitsverhältnisse als unauflöslich und hoffnungslos wahrgenommen wird, kann Suizid für das Kind als einziger Ausweg erscheinen.
Es ist kein Privileg, sondern ein Grundrecht, jedem Kind die Entfaltung der eigenen Persönlichkeit und Lebensweise zu ermöglichen. Ob durch Meditation, Spezialinteressen, Videospiele oder gesundes Stimming: Barrierefreiheit ist die Voraussetzung für das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.