Ganz "normal" authentisch autistisch
Info: Illustriert von Amy Rose aus unserem Team
Viele Autisten sehen, hören, riechen und erleben die Welt ganz anders als nicht-autistische Menschen. Sie nehmen Gerüche wahr, die bei anderen Menschen untergehen. Sie sehen und nehmen Dinge wahr, die für andere vollkommen nebensächlich sind. Sie nehmen Geräusche besonders intensiv wahr, die Nicht-Autisten gar nicht beachten. Und so gibt es noch viele andere Wahrnehmungsaspekte, in denen sich Autisten von Nicht-Autisten unterscheiden, die sich im Alltag bemerkbar machen. Dass einzelne Wahrnehmungsaspekte nicht auch bei Nicht-Autisten auftreten können, ist nicht ausgeschlossen. Durch die Hochsensibilität und verschiedenartige Wahrnehmung der sensorischen Bereiche können aber bei Autisten genau diese Geräusche z.B. zu einer Barriere und ein zu viel an Körperkontakt zur Folter werden.
Kurz gesagt: Die Welt der Autisten ist in vielen Aspekten komplett anders als jene der Nicht-Autisten. Und doch leben wir alle auf dem gleichen Planeten. Die autistische Welt ist nicht schlechter oder besser als jene der Nicht-Autisten. Wenn wir lernen unsere Sichtweisen der Welt zu kennen und zu verstehen, können wir viel voneinander lernen. Darum haben wir versucht die Empfindungswelt der Autisten für Nicht-Autisten verständlich zu machen. Gehen Sie mit uns auf eine Entdeckungsreise und lassen Sie sich überraschen.
Autist*innen und Sensorischer Lärm
PDF-Downloads Deutsch / English
Desensibilität ist ein Produkt von Hochsensibilität. Empfindungsmechanismen werden neurologisch ausgeschaltet, wenn die Sensorik überstrapaziert wird. Das kann temporär, aber auch ein dauerhafter Zustand sein. Durch dauerhaftes Ignorieren der äußeren Reizumgebung,
kann dies zur Folge haben, dass non-verbal kommunizierende Autisten, die eigentlich eine enorme, wertvolle Sensibilität an den Tag legten, als Kleinkind umschwenken. Klassischer Weise werden sie dann zu sogenannten Low Fun
ctioning Autisten, so etwa im Alter von 2-3 Jahren. Geboren sind sie aber nicht so, sie ha
ben erst nach vielen rücksichtslosen Erfahrungen "zu
sprechen aufgehört" oder "gar nicht erst angefangen", "spielt nicht mehr", "haben sich nicht mehr für Bücher und ihre Umwelt interessiert".
Man straft den Fremdkörper Autismus
Irgendwann schlagen, beißen, treten sie nur noch und starren im Wechsel die Wand an und zeigen Eigenschaften wie: Alles essen, was in der Umgebung ist, krampfartiges Festhalten an etwas, den Kopf gegen die Wand schlagen etc. Lamentierende, überbenutzte und unklar formulierte Sprache überfordert sie, wodurch die Kommunikationsfähigkeit dieser Autisten heruntergefahren wird.
Es heißt dann, das sei der Autismus.
Dass es sich aber um einen umweltbedingten Mechanismus handelt, kann niemand so richtig wahrnehmen oder verstehen. Vielleicht auch manchmal bewusst nicht einsehen, weil man sich dann selbst oder das geschaffene Umfeld auch als Störfaktor erkennen müsste? Manche Autisten kommunizieren fast ausschließlich non-verbal, obwohl sie intellektuell alles verstehen.
Nicht-Autisten werden zur eigentlichen Behinderung
Wenn Autisten Ausrufe wie "Stop!", "Raus!", „Bla bla bla!" oder "Schluss!“ von sich geben, werden sie oft fehlinterpretiert. Manch Einer fühlt sich dabei vor den Kopf gestoßen, da er eigentlich selbst hilfebedürftig wäre, gleichwertige Kommunikation richtig zu lernen. Warnsignale werden durch solche selbst bedürftigen "nicht behinderten Menschen" nicht wahr genommen und dadurch selbst zu einem weiteren Störfaktor. Sie verursachen aufgrund der Empathieunfähigkeit gegenüber Autisten oft unlösbare Konfliktsituationen. Für Autist/inn/en ist dies fatal, sie schirmen sich ab und ab einem gewissen Grad der Überlastung bekommt der Autist nicht mehr mit, wenn er sich vor Schreck heißen Kaffe übergießt oder das Radio unerträglich laut dreht. Erst wenn die Reize entfernt werden, kann der Autist wieder handlungsfähig werden. Deshalb nennt man unempathische, selbst bedürftige Menschen in diesem Zusammenhang eine „Barriere“, wie das ebenso der Schall aus einem Radio sein kann.
Abgestempelt und von Natur aus beschränkt
Von außen bescheinigt man diesen Autisten dann gerne Desensibilität oder gar Intelligenzlosigkeit. In Wahrheit resultiert diese Beeinträchtigung aber aus überanwesender Sensibilität gegenüber Schall und unempathischen, groben Menschen die zu wenig Distanz wahren - nicht aus fehlender. Daher auch das ewige Falschurteil mit der angeblich verarmten - oder noch schlimmer, gar fehlenden Empathie. Das Schlimme an dieser Wahrnehmungsmanipulation ist, dass viele Autist/inn/en beginnen, selbst an diese hausgemachten Defizite zu glauben. Wer sich unfähig fühlt, stellt Weiterentwicklungsmechanismen ein.
Was nicht passt, wird passend gemacht
Neuroleptika, Sedativa und Konditionierung stehen ab da an mit Umerziehung an der Tagesordnung. Medizinisches Behinderungsmodell, zur Verhinderung von Behinderung. Die/der Autist/in soll jetzt bitte funktionieren und ein normales Leben führen, sich aber auch bitte nicht aus den Rahmenbedingungen lösen. Eine ganze Finanzmaschinerie baut sich auf dem Rücken dieser Menschen auf. Würde statt dessen das soziale Behinderungmodell angewandt und jene Schritte der Enthinderung gegangen, an dem alle Verantwortlichen beteiligt sein müssten, wäre das Kind noch immer: - am Sprechen / Spielen / Bücher Ansehen / Laufen / Lernen / sich Entwickeln und nicht in einem solch schlechten Zustand der nervösen Erschöfpung.
Keine Neuigkeit
Seit Autisten erforscht und öffentlich diskutiert werden, vernimmt man die Ursachenkomponente einer zu lauten, zu schnellen, zu gewaltbereiten Welt. Bis dann Jemand mit dem Vorschlaghammer "Mittelalter" kommt. Im Mittelalter haben Menschen anderer Neurologien meistens positiv bevormundet gelebt. Fälle von "im Brunnen ertränkt" oder "in der Scheune eingesperrt" sind keineswegs der Regelfall gewesen. Überlieferungen zeigen, dass sie ebenso wie heute als "Dümmlinge" betitelt wurden, dennoch kostenlos mit täglichen Speisen , Kleidung und sogar Häusern beschenkt wurden, weil man sich unfähig sah, sie in gesellschaftlich genormte Tätigkeiten einzugliedern. Kein Nacharmungsmodell und doch funktioniert der Integrationssektor bis heute noch so. Ersatzleistungen durch Ämter und Firmen statt Lohn, ohne Chancen auf Weiterentwicklung und Entscheidungsfreiheit.
{Ironie an}
Beschränkt ist der, welcher sich nicht für Beschränkung entscheidet - nicht Jener, der die Möglichkeiten beschneidet.
Der gemeine, laute, gewaltbereite Ellenbogen-Mensch von heute, ist nicht verantwortlich. Der seelisch Beschränkte ist einfach zu zerbrechlich. Punkt.
{Ironie aus}