Den individuellen Ausdruck als Barrierefreiheit verstehen
Das Fundament: Empathisches Verstehen statt Anpassungsdruck
Kommunikation ist weit mehr als Lautsprache; sie ist das Mittel zur Entfaltung der Persönlichkeit (auch nonverbale Kommunikation).
Eine gelungene Interaktion setzt voraus, dass das Umfeld dem Kind mit Respekt, Achtsamkeit und wertfreier Akzeptanz begegnet [1, 3].
Dem Kind folgen: Anstatt dem Kind Defizite zu spiegeln, orientiert sich die Begleitung an seinen Interessen und Bedürfnissen. In der Begeisterung für selbst gewählte Beschäftigungen entfaltet sich die individuelle Kommunikationsweise (auch non-verbal) am stärksten [2].
Glaubwürdigkeit: Nur ein authentisches Gegenüber, das Zusagen einhält und kongruent handelt, bietet ein sicheres Fundament für den Spracherwerb und die soziale Interaktion.
Barrieren und ihre Folgen
Derzeit wird Inklusion oft nur oberflächlich verstanden. Wenn die natürliche biologische Vielfalt (Biodiversität) menschlicher Seinsweisen nicht anerkannt wird, entstehen Barrieren, die zu massivem Stress führen [4].
Erfahrungsberichte autistischer Menschen verdeutlichen, dass Kommunikationsschwierigkeiten oft keine primären Defizite sind, sondern Folgen von Überlastung:
Störung der Verbindung zwischen Gedanken und Sprechmotorik.
Blockade der Sprechmuskulatur (z. B. flach liegende Zunge).
Verlust der Wort-Bild-Zuordnung bei Stress.
Rückzug aus der Kommunikation als Schutz vor unerträglicher Kritik.
Zentrale Erkenntnis: Werden Barrieren konsequent abgebaut und Überlastungen vermieden, treten diese motorischen und kommunikativen Störungen oft gar nicht erst ein. Das Ziel ist die Wiederherstellung eines stabilen Ruhezustands.
Gezielte Methoden der Unterstützten Kommunikation
Um den Raum für individuelle Entfaltung zu öffnen, nutzt White Unicorn e.V. verschiedene barrierefreie Ansätze:
Das Figurenspiel als Brücke
Das Figurenspiel (z. B. mit Handpuppen) dient als kreative Begleitung, um Ungesagtes hör- und sichtbar zu machen [12].
Symbolische Verarbeitung: Kinder können Ängste und Belastungen auf Figuren projizieren und so schwierige Situationen klären.
Vermittlerfunktion: Wenn der direkte Zugang zwischen Erwachsenen und Kindern belastet ist, kann eine Handpuppe als neutraler Vermittler dienen, um die Interaktion gewaltfrei und ohne emotionalen Druck neu zu beleben.
Materialvielfalt: Von Fimo und Ton über Bouncing-Putty bis hin zu Naturmaterialien wie Schnee – die Wahl des Materials folgt der sensorischen Vorliebe und Begeisterung des Kindes.
Technologische Unterstützung
Barrierefreiheit in der Kommunikation umfasst auch den Einsatz von Hilfsmitteln (z. B. Talker, iPads), um nonverbale Kommunikation zu ergänzen und die Teilhabe am sozialen Miteinander zu sichern.
Resilienz und Selbstkonzept
Ein positives Selbstkonzept entsteht durch tausendfache Erfahrungen der Selbstwirksamkeit: "Ich werde gehört, egal wie ich mich mitteile." [5, 8]
Wahrung von Grenzen: Das Kind lernt, den eigenen Schutzraum zu wahren und Grenzen zu setzen (z. B. das Bedürfnis nach Ruhe) [9, 11].
Initiative: Erfolgreiche Kommunikation ermutigt das Kind, von sich aus Kommunikationskreise zu initiieren [10].
Leitlinien der Interaktion (Gütekraft)
Wir gestalten die Kommunikation im Sinne der Gütekraft [7] und der Gewaltfreien Kommunikation [13]. Dies bedeutet:
Geduldiges, konstruktives und nicht-verletzendes Handeln.
Übernahme von Verantwortung für wertbegründete Entscheidungen.
Anerkennung des Kindes als vollumfänglich kommunikatives Wesen.
Einzelnachweise
Gauda, G. / Zirnsak, C. (2014): Wege aus dem Labyrinth, S. 80.
Hüther, G. (2008): Wie aus Kindern glückliche Erwachsene werden.
Rogers, C. (1983): Die klientenzentrierte Gesprächspsychotherapie.
CBD (1993): Convention on Biological Diversity (Biodiversitätskonvention).
Eggert, D. (2014): Das Selbstkonzept Inventar (SKI) für Kinder im Vorschul- und Grundschulalter.
Grundgesetz (GG) Art. 1: Die Würde des Menschen.
Arnold, T. (2011): Gütekraft. Ein Wirkungsmodell aktiver Gewaltfreiheit nach Hildegard Goss-Mayr, Mohandas K. Gandhi und Bart de Ligt.
Watzlawick, P. (2015): Man kann nicht nicht kommunizieren: Das Lesebuch.
Langlotz, E. R. (2015): Symbiose in System-Aufstellung.
Greenspan, S. / Wieder, S. (2001): Mein Kind lernt anders, S. 107f.
Eibl-Eibesfeldt, I. (1984): Die Biologie des menschlichen Verhaltens – Grundriß der Humanethologie, S. 437.
Gauda, G. / Zirnsak, C. (2014): Wege aus dem Labyrinth – Figurenspiel mit autistischen Kindern.
Rosenberg, M. B. (2012): Gewaltfreie Kommunikation: Eine Sprache des Lebens.