Zwischen Pferdehaar und Selbstwirksamkeit (Gastbeitrag von Tatjana Thinnes: Website)
Bild: Gemini ✨
Über pferdegestützte Pädagogik, traumasensible Begleitung und die Bedeutung sicherer Beziehungen
Autismus ist keine Traumafolgestörung – doch viele autistische Menschen erleben im Laufe ihres Lebens Traumatisierungen, die eine PTBS auslösen können.
Umso wichtiger sind traumasensible Angebote, die die neurodivergente Wahrnehmung respektieren. In diesem Gastbeitrag gibt uns Tatjana Thinnes, Autistin und Reittherapeutin, einen Einblick in die pferdegestützte Pädagogik.
Sie zeigt hier im Folgenden, wie "Zwischen Pferdehaar und Selbstwirksamkeit" ein Raum entsteht, in dem Grenzen gewahrt werden.
Wer bin ich und wie kam ich zu den Pferden?
Mein Name ist Tatjana Thinnes, ich bin Autistin, 33 Jahre alt und bin pädagogische Fachkraft mit Schwerpunkt pferdegestützte Frühförderung. Aufbauend auf meiner pädagogischen Ausbildung habe ich mich durch zahlreiche Fort- und Weiterbildungen in den Bereichen ganzheitliche Reitpädagogik, Reittherapie, psychologisches Coaching, Verlust- und Trauerprozesse und traumasensibles Arbeiten fachlich weiterentwickelt.
Ein besonderer Schwerpunkt meiner heutigen Arbeit liegt auf einer bedürfnisgerechten und traumasensiblen Begleitung von Menschen mit unterschiedlichen Lebensgeschichten.
Pferde begleiten mich seit meinem neunten Lebensjahr. Heute, nach inzwischen 24 Jahren, kann ich sagen, dass sie mich nicht nur beruflich, sondern vor allem in meiner persönlichen Haltung geprägt haben.
Früher hätte man gesagt: Ich war schon immer ein etwas sonderbares Kind. Eher still, häufig in mich gekehrt und gleichzeitig sehr angepasst. Man hat mich als angenehmes, unkompliziertes Kind beschrieben.
Schon früh begann ich, mich intensiv mit Neurodiversität und den unterschiedlichen Formen menschlicher Wahrnehmung und Informationsverarbeitung auseinanderzusetzen. Vieles, was ich zuvor nur schwer einordnen konnte, ergab plötzlich einen Sinn und eröffnete mir einen neuen Blick auf meine eigene Lebensgeschichte.
Heute weiß ich, dass ein ruhiges, angepasstes Kind nicht zwangsläufig ein Kind ist, dem es gut geht. Und dass das, was nach außen mühelos aussieht, innerlich unglaublich viel Kraft kosten kann.
Die Pferde boten mir schon früh einen anderen Zugang zu Beziehungen und Kommunikation.
Über die Jahre haben die Pferde mein Bewusstsein für mich selbst, meine Umwelt und die Bedürfnisse anderer Lebewesen geschärft. Vor allem aber haben sie mich gelehrt, wie wertvoll Authentizität ist und dass echte Verbindung dort entstehen kann, wo wir aufhören, uns verstellen zu müssen.
Paddy – eine besondere Lehrmeisterin
Seit über zehn Jahren begleitet sie mich nun durch die unterschiedlichsten Lebensphasen. Wer über so viele Jahre mit einem Pferd zusammenlebt, weiß, dass eine vertrauensvolle Beziehung nicht einfach dadurch entsteht, dass man ein Tier liebt. Sie entwickelt sich durch Beobachtung, gegenseitiges Kennenlernen, Verständnis und manchmal auch durch die Bereitschaft, eigene Überzeugungen zu überdenken.
Im Laufe unserer gemeinsamen Jahre begegneten uns viele unterschiedliche Ansichten, Erfahrungen und Vorstellungen davon, wie der Umgang mit Pferden auszusehen hat. Manche davon haben uns bereichert, andere dazu gebracht, bestehende Überzeugungen zu hinterfragen. Doch so unterschiedlich die Einflüsse auch waren, fanden wir im Kern immer wieder zu dem zurück, was sich für uns richtig anfühlte. Nicht immer entspricht das den gängigen Vorstellungen oder konventionellen Ausbildungswegen.
Paddy hat mich gelehrt, meiner eigenen Wahrnehmung zu vertrauen, kritisch zu hinterfragen und auch einmal unkonventionelle Wege einzuschlagen. Denn nicht jede allgemein anerkannte Methode ist automatisch für jedes Pferd geeignet.
Für mich bedeutet ein bewusster und respektvoller Umgang deshalb, offen für neue Erkenntnisse zu bleiben, ohne die Individualität und Bedürfnisse meines Gegenübers aus den Augen zu verlieren.
Was macht Pferde in der pädagogischen Begleitung besonders?
Pferde sind hochsoziale Lebewesen, deren Zusammenleben wesentlich durch Körpersprache, individuelle Beziehungen und gegenseitige Wahrnehmung geprägt wird.
Als Flucht- und Herdentiere reagieren sie aufmerksam auf Veränderungen in ihrer Umgebung. Sie nehmen unter anderem Körperhaltung, Bewegungen und räumliche Distanz wahr und kommunizieren selbst über vielfältige, häufig subtile Signale. Diese Eigenschaften eröffnen besondere Möglichkeiten für die pferdegestützte Pädagogik.
Dabei ist mir eine Unterscheidung wichtig: Pferde können weder Gedanken lesen noch menschliche Gefühle zuverlässig erkennen oder bewerten. Ihre Reaktionen sind immer im Zusammenhang mit ihrer eigenen Wahrnehmung, ihren Erfahrungen und der jeweiligen Situation zu verstehen. Es geht deshalb nicht darum, das Pferd als Spiegel menschlicher Emotionen zu betrachten, sondern darum, Begegnungen aufmerksam zu beobachten und gemeinsam zu gestalten.
Wann wird ein Pferd zum Therapiepferd?
Nicht jedes freundliche oder besonders ruhige Pferd ist automatisch für den pädagogisch-therapeutischen Einsatz geeignet. Neben einer fundierten Ausbildung spielen körperliche Gesundheit, Belastbarkeit, Sozialverhalten, individuelle Persönlichkeit und die Fähigkeit, mit unterschiedlichen Umweltreizen umzugehen, eine wichtige Rolle.
Ein geeignetes Therapiepferd muss keineswegs alles über sich ergehen lassen. Im Gegenteil: Es sollte seine Bedürfnisse und Grenzen ausdrücken können und dürfen, und diese müssen von der begleitenden Fachkraft erkannt und respektiert werden.
Ein Pferd, das sich einer Situation entzieht, sich abwendet oder Anzeichen von Überforderung zeigt, verhält sich nicht automatisch ungehorsam. Es kommuniziert zunächst einmal etwas, das es zu verstehen gilt. Für mich beginnt verantwortungsvolle, pferdegestützte Arbeit deshalb lange vor der eigentlichen Einheit.
Sie beginnt mit der Frage, wie das Pferd lebt, wie es sich fühlt, welche Belastungen es erlebt und wie wir seine Bedürfnisse berücksichtigen können. Ein Pferd darf eine Pause brauchen. Es darf sich einer Situation entziehen. Und nicht jedes Pferd muss für jede Form der pädagogischen Arbeit geeignet sein.
Denn wie könnten wir Menschen glaubwürdig vermitteln, dass ihre Grenzen respektiert werden, wenn wir gleichzeitig die Grenzen der Pferde übergehen?
Wie sieht meine pferdegestützte Arbeit aus?
Pferdegestützte Pädagogik bedeutet weit mehr, als einen Menschen auf ein Pferd zu setzen. Die Begegnung kann vom Boden aus stattfinden, beim Beobachten, Putzen, Führen oder bei gemeinsam entwickelten Aufgaben.
Welche Aktivitäten sinnvoll sind, hängt von den individuellen Bedürfnissen, Interessen und Möglichkeiten der begleiteten Person sowie von den Voraussetzungen des Pferdes ab. Im Mittelpunkt meiner Arbeit stehen unter anderem Selbstwirksamkeit, Körperwahrnehmung, Beziehungsgestaltung, individuelle Kommunikation und die Stärkung.
Ein mögliches Beispiel aus der pädagogischen Praxis:
Ein Kind möchte das Pferd zunächst nicht berühren. Statt es zur Kontaktaufnahme zu überreden, kann die Einheit darin bestehen, das Pferd aus einer selbst gewählten Entfernung zu beobachten. Vielleicht entdeckt das Kind, wie sich die Ohren bewegen, wann das Pferd frisst oder wie es auf Veränderungen in seiner Umgebung reagiert. Vielleicht entsteht daraus eine Frage, eine gemeinsame Beobachtung oder irgendwann der Wunsch nach mehr Nähe. Vielleicht aber auch nicht.
Für mich ist entscheidend, dass die Begegnung nicht daran gemessen wird, ob am Ende eine bestimmte Handlung stattgefunden hat. Auch die Entscheidung, Abstand zu halten, kann Ausdruck von Selbstbestimmung und einer gelungenen Wahrnehmung eigener Bedürfnisse sein.
Ein anderes Beispiel ist die gemeinsame Gestaltung eines Parcours. Hier können Planung, Orientierung, Körperwahrnehmung und Kommunikation eine Rolle spielen. Gleichzeitig lassen sich Aufgaben verändern, Pausen einlegen und unterschiedliche Lösungswege ausprobieren. Das Ziel ist nicht, eine Aufgabe möglichst fehlerfrei zu erfüllen, sondern einen individuellen Erfahrungsraum zu schaffen.
Es gibt durchaus pädagogische Ziele und Strukturen. Doch diese sollten niemals über die Bedürfnisse und Grenzen der Beteiligten gestellt werden.
Was bedeutet traumasensibles Arbeiten?
Ein psychisches Trauma kann im Zusammenhang mit einer extrem bedrohlichen oder erschütternden Erfahrung entstehen, die einen Menschen nachhaltig belastet. Nicht jede belastende Erfahrung führt zu einer Traumafolgestörung. Manche Menschen entwickeln jedoch infolge traumatischer Ereignisse eine posttraumatische Belastungsstörung, kurz PTBS.
In meiner Arbeit lege ich deshalb besonderen Wert auf Sicherheit, Vorhersehbarkeit, Transparenz und Selbstbestimmung. Konkret bedeutet das, Abläufe möglichst klar zu gestalten, Veränderungen anzukündigen, Wahlmöglichkeiten anzubieten und individuelle Grenzen zu respektieren.
Ein Mensch soll wissen dürfen, was auf ihn zukommt, und die Möglichkeit haben, eine Situation aktiv mitzugestalten. Dabei verzichte ich bewusst auf unnötigen Leistungs- und Anpassungsdruck. Eine abgelehnte Aufgabe ist nicht automatisch mangelnde Motivation. Rückzug kann Ausdruck von Überforderung, Unsicherheit oder schlicht eines individuellen Bedürfnisses sein.
Gerade sichere und verlässliche Beziehungen spielen dabei eine wichtige Rolle. Wer wiederholt erlebt hat, dass persönliche Grenzen nicht respektiert werden, benötigt möglicherweise besonders viel Zeit, um Vertrauen aufzubauen. Ein solches Vertrauen lässt sich nicht erzwingen. Es entsteht durch Beständigkeit, Transparenz und die wiederholte Erfahrung, mit den eigenen Bedürfnissen ernst genommen zu werden.
Dabei ist eine fachliche Abgrenzung wichtig: Pferdegestützte Pädagogik ist keine Traumatherapie und ersetzt keine notwendige psychotherapeutische Behandlung. Sie kann jedoch einen ergänzenden Erfahrungsraum eröffnen, in dem Selbstbestimmung, Sicherheit und Beziehungsgestaltung im Mittelpunkt stehen.
Welche Bedeutung hat das für Autist:innen?
Autistische Menschen können ebenso wie nicht-autistische Menschen traumatische Erfahrungen machen. Dabei können beispielsweise Mobbing, Ausgrenzung, Gewalt, wiederholte Grenzüberschreitungen oder anhaltende soziale Überforderung eine Rolle spielen.
Hinzu kommt, dass autistische Menschen ihre Umwelt individuell wahrnehmen und verarbeiten. Sensorische Reize, unerwartete Veränderungen und schwer einschätzbare soziale Situationen können unterschiedlich belastend sein.
In der pferdegestützten Arbeit können klare Abläufe, vorbereitete Übergänge, sensorische Rücksichtnahme und individuelle Kommunikationsmöglichkeiten hilfreich sein. Auch das Pferd selbst muss dabei berücksichtigt werden. Pferde sind lebendige Wesen, deren Verhalten nicht vollständig vorhersehbar ist. Umso wichtiger ist es, einen möglichst verlässlichen Rahmen zu gestalten und auf die Bedürfnisse aller Beteiligten zu achten.
Es geht nicht darum, autistische Menschen an neurotypische Erwartungen anzupassen.
Ein Mensch muss keinen Blickkontakt halten, um aufmerksam zu sein. Er muss nicht sprechen, um zu kommunizieren, und keine Berührung zulassen, um Interesse oder Zuneigung auszudrücken. Diese Grundhaltung ist nicht ausschließlich für autistische Menschen wichtig, gewinnt aber gerade im Zusammenhang mit Neurodivergenz und traumatischen Erfahrungen eine besondere Bedeutung. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Bedingungen ein Mensch benötigt, um sich sicher zu fühlen, eigene Entscheidungen zu treffen und selbstbestimmt teilhaben zu können.
Wie können pferdegestützte Angebote finanziert werden?
Die Finanzierung pferdegestützter Angebote ist in Deutschland nicht einheitlich geregelt und hängt vom individuellen Unterstützungsbedarf, der Zielsetzung sowie der rechtlichen Einordnung des jeweiligen Angebots ab. Für Kinder und Jugendliche mit einer bestehenden oder drohenden seelischen Behinderung kann unter bestimmten Voraussetzungen eine Kostenübernahme durch das zuständige Jugendamt im Rahmen der Eingliederungshilfe nach § 35a SGB VIII infrage kommen.
Weitere Möglichkeiten können sich aus den Leistungen zur sozialen Teilhabe nach dem Sozialgesetzbuch IX ergeben. Dessen Eingliederungshilferecht wurde durch das Bundesteilhabegesetz (BTHG) umfassend reformiert. Ziel dieser Leistungen ist es, Menschen mit Behinderungen eine möglichst selbstbestimmte und gleichberechtigte Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu ermöglichen.
Ob ein konkretes pferdegestütztes Angebot als geeignete Leistung anerkannt und finanziert werden kann, wird individuell durch den zuständigen Leistungsträger geprüft.
Auch Opferhilfeorganisationen wie der WEISSE RING können Menschen, die von Kriminalität und Gewalt betroffen sind, in bestimmten Fällen finanziell unterstützen. Ob eine Unterstützung für ein konkretes ergänzendes Angebot infrage kommt, ist im Einzelfall zu klären.
Pferdegestützte Pädagogik und Reittherapie gehören grundsätzlich nicht zu den regulär verordnungsfähigen Heilmitteln der gesetzlichen Krankenversicherung. Eine Kostenübernahme kann deshalb nicht pauschal vorausgesetzt werden.
Daneben besteht die Möglichkeit einer privaten Finanzierung.
Die unterschiedlichen Finanzierungswege zeigen, dass pferdegestützte Angebote in verschiedenen pädagogischen und teilhabeorientierten Zusammenhängen eingesetzt werden können. Entscheidend bleiben jedoch stets der individuelle Bedarf, die fachliche Zielsetzung und die Voraussetzungen des jeweiligen Kostenträgers.